Warum fehlt da was vom Kopf?

Etliche Fotografen schneiden ihre Headshots so zu, dass ein Teil des Oberkopfes verloren geht. Ich bin da keine Ausnahme. Doch obwohl diese Praxis gar nicht so selten ist, besteht durchaus Erklärungsbedarf dafür, warum wir das machen. Anders formuliert: Warum fehlt da was vom Kopf?

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Wie alle gestalterischen Elemente soll bei einem Headshot auch die Wahl des Ausschnitts die Bildaussage unterstützen. Ziel ist es in der Regel, die portraitierte Person selbstbewusst (und aufgeschlossen) zu zeigen. Zunächst braucht es dazu natürlich einen entsprechenden Gesichtsausdruck, den es dann aber durch weitere Elemente zu betonen gilt.

Zu nennen ist etwa die Kameraposition, die nicht zu hoch gewählt sein sollte, damit der Betrachter nicht auf die portraitierte Person “herabschaut”. Wichtiger für unsere Ausgangsfrage ist aber, dass die Augen der portraitierten Person im oberen Bildbereich–etwa auf der oberen Drittellinie–liegen sollten, da das einen selbstbewussten Ausdruck unterstützt. Das ist hier gezeigt.

 Die Augen liegen auf der oberen Drittellinie.

Die Augen liegen auf der oberen Drittellinie.

Der Effekt, den diese Positionierung der Augen hat, wird besonders deutlich, wenn man zum Vergleich ein Bild wählt, in dem die Augen näher zur Bildmitte platziert sind, wie ich das beim folgenden Beispiel im rechten Bild getan habe. Hier arbeitet die Wahl des Ausschnitts–mit tiefer positionierten Augen und leerem Raum über dem Kopf–dem selbstbewussten Gesichtsausdruck entgegen. 

 Die höhere Positionierung der Augen im linken Bild unterstreicht den selbstbewussten Gesichtsausdruck. Die Positionierung im rechten Bild wirkt dem entgegen.

Die höhere Positionierung der Augen im linken Bild unterstreicht den selbstbewussten Gesichtsausdruck. Die Positionierung im rechten Bild wirkt dem entgegen.

Der angeschnittene Kopf ist also dadurch begründet, dass der Fotograf die Augen der portraitierten Person nahe der oberen Drittellinie platzieren möchte, um einen selbstbewussten Gesichtsausdruck zu betonen. Der Kopf wandert im Bild nach oben und damit ein Teil des Oberkopfes über den Bildrand hinaus.

Nun könnte man den Bildausschnitt natürlich auch einfach großzügiger wählen und mehr Brustpartie zeigen. Dadurch würden die Augen der portraitierten Person automatisch im oberen Bildbereich zu liegen kommen, ohne dass man deshalb den Oberkopf abschneiden muss.

Dagegen spricht allerdings, dass es bei Headshots um Gesicht und Gesichtsausdruck geht, die es prominent ins Bild zu rücken gilt. Und so wichtig es dabei ist, die Schulterpartie der abgebildeten Person zu zeigen, um über die Kleidung eine berufliche bzw. soziale Verortung zu ermöglichen (und einen körperlosen Kopf zu vermeiden), so wenig hat die Brustpartie einen zusätzlichen Informationswert, weshalb auf sie verzichtet werden sollte.

Letzteres gilt auch deshalb, weil Headshots meist in relativ kleinen Abmessungen verwendet werden. Man denke zum Beispiel an ihren Einsatz als Profilbild im sozialen Netzwerk. Wenn hier die Hälfte des Bildes für grauen Anzugstoff verschwendet wird, hat es der Betrachter schwer, etwas aus dem Gesicht der portraitierten Person herauszulesen. Deshalb ist es besser, ein wenig vom Oberkopf abzuschneiden als einen größeren Ausschnitt zu wählen, um die Augen im Bild nach oben zu bringen.

Wer jetzt glaubt, dass nur Headshot-Fotografen auf die Idee kommen können, Köpfe anzuschneiden, der sollte sich eine beliebige Zeitschrift vornehmen und aufmerksam die Portraits darin studieren. Ich war selbst überrascht, wie häufig dort ein Teil des Oberkopfes fehlt. Aber das fällt meist gar nicht auf, da unser Hirn offensichtlich die fehlende Kopfpartie problemlos mitdenkt–kein Grund also, sich über angeschnittene Köpfe zu sorgen.

Dennoch will ich nicht ohne den Hinweis schließen, dass es selbstredend auch Verwendungszwecke für Headshots gibt, bei denen ein “ganzer Kopf” die bessere Lösung ist. Für mich ist das ein Grund, immer mit "ganzem Kopf" zu fotografieren und meine Headshots erst am Ende der Nachbearbeitung zuzuschneiden. So kann ich meinen Kunden beide Optionen geben.

Ob mit oder ohne Oberkopf, wenn du einen erstklassigen Headshot möchtest, der dich selbstbewusst, aufgeschlossen und richtig gut aussehen läßt, dann vereinbare am besten gleich einen Termin mit deinem Headshot und Portraitfotografen in München.